6 dates a day to take the pain away?

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Dattelkonsum und einer schnellen oder schmerzarmen Geburt?

Hand aufs Herz, wenn Du schwanger bist, hast Du im Internet nach Möglichkeiten gesucht, Dich auf Deine Geburt vorzubereiten. Oder genauer gesagt, nach Tipps, wie die Entbindung vielleicht schneller von statten geht oder weniger wehtut. Ein Vorschlag findet sich dabei schnell: Iss sechs Datteln am Tag. Das Versprechen: Eine schnellere Entbindung mit weniger Komplikationen und schmerzarm noch dazu. Mega! Und das Beste: Alles was Du dafür tun musst, ist vier Wochen vor Deinem ET damit anzufangen, die süßen Früchte täglich zu essen. Wenig Aufwand, oder? Viel einfacher zum Beispiel, als das Weglassen von Zucker und Weißmehl in der Louwen-Diät. Und Nadeln sind auch keine im Spiel. Anders als zum Beispiel bei der geburtsvorbereitenden Akkupunktur.

Doch woher kommt die Idee mit den Datteln? Und was ist dran?

Zunächst einmal: Anders als bei der Louwen-Diät wurde diese Thematik bereits wissenschaftlich untersucht. Jedoch ist ein bisschen Vorsicht geboten. Es gibt nämlich einige Forschungen, die sich mit dem Konsum von Datteln während der Schwangerschaft beschäftigen. Andere schauen sich an, was das Essen der Früchte während des Geburtsvorgangs auslöst. In einigen Seiten online wird beides einfach vermischt.

Eine der am häufigsten zitierten Papiere ist die Arbeit von Al-Kuran et al. aus dem Jahr 2011 (immerhin schon 15 Jahre alt!). Das Forscherteam untersucht den Effekt von Dattelkonsum in der Spätschwangerschaft auf die Muttermundweite, einen natürlichen Wehenbeginn, die Notwendigkeit von künstlichen Einleitungen und die Latenzphase (erste Phase der Geburt). Dabei beobachten sie 69 jordanische Frauen, die in den letzten Schwangerschaftswochen sechs Datteln am Tag essen. 49 weitere Frauen dürfen keine Datteln zu sich nehmen. Für alle untersuchten Parameter finden die Forscher/innen signifikante und positive Effekte. Signifikant bedeutet in der Statistik, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass die Ergebnisse nicht zufällig gemessen wurden. Konkret beobachten die Forscher/innen, dass die Frauen in der Dattelgruppe zu Geburtsbeginn einen weiteren Muttermund hatten, sie seltener künstlich eingeleitet werden mussten, und die Latenzphase kürzer war. Ob die Entbindungen im gesamten schneller oder schmerzarmer waren, als im Durchschnitt, lässt sich daraus nicht ableiten.

Hört sich trotzdem erst einmal gut an, oder? Was gibt es noch? Und gibt es eine Erklärung, warum sich Datteln vermeintlich positiv auf die Geburt auswirken? Glücklicherweise findet sich zu der Thematik eine Meta-Analyse aus dem Jahre 2021 von Sagi-Dain und Sagi. Meta-Analysen fassen verschiedene Forschungsarbeiten zu einem Thema zusammen und bewerten diesen. Sie sind also oft ein guter Ansatzpunkt, um sich mit einer Thematik zu befassen. Sagi-Dain und Sagi liefern verschiedene Erklärungsansätze, warum Datteln bei der Geburt förderlich sein könnten:

  • Datteln erhöhen den Serotoninspiegel, was die Kontraktion der glatten Muskulatur begünstigen kann
  • Sie enthalten viel, schnell verfügbare Energie, die während der Geburt gebraucht wird
  • Sie können die Bildung von Östrogenen beeinflussen
  • Datteln fördern die Produktion von Prostaglandinen.

Prostaglan-was? Prostaglandine – das sind Stoffwechselmediatoren (Botenstoffe) mit hormonähnlichen Eigenschaften. Sie werden in den meisten menschlichen Zellen produziert und sind an unzähligen Prozessen im Körper beteiligt. Interessant ist, dass sie ganz unterschiedliche Funktionen erfüllen: Bestimmte Prostaglandine fördern Entzündungen und erhöhen die Körpertemperatur bei Fieber, andere dagegen hemmen Schmerzen und Entzündungen im Gewebe oder regulieren den Blutdruck. Für Frauen kurz vor der Entbindung sind die Prostaglandine PGE2 relevant, weil sie die Kontraktion der glatten Muskulatur (wie im Darm und im Uterus) fördern und damit als Wehenauslöser gelten. Kommen Frauen über den errechneten Geburtstermin, wird i. d. R. spätestens bei 40+10 die Geburt künstlich eingeleitet. Eine Möglichkeit ist dabei die Einleitung mittels Prostaglandinzäpfchen (hierbei gilt als problematisch, dass eine genaue Dosierung kaum möglich ist und die Behandlung nicht abgebrochen werden kann). Hebammen weisen, um dem vorzubeugen, oft darauf hin, dass auch in der männlichen Samenflüssigkeit Prostaglandine vorhanden sind und empfehlen ungeschützten Geschlechtsverkehr. Dass Datteln die Ausschüttung von Prostaglandine fördern und über diesen Mechanismus einen positiven Effekt auf die Geburt ausüben können, wirkt daher durchaus plausibel. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass es andere Lebensmittel gibt, die die PGE2 Produktion positiv beeinflussen. Zhou et al. zeigen beispielsweise einen sehr großen Effekt durch den Konsums von Litischs (vgl. Zhou et al. (2012)). Die Human Matabolome Database (Human Metabolome Database (hmdb.ca)) nennt zudem Nüsse, Samen und Gewürze, die PGE2 im Körper fördern.

Aber zurück zur Meta-Analyse. Sie liefert nicht nur Erklärungsansätze, warum Datteln bei der Geburt positiv wirken könnten. Sie findet auch noch auf den ersten Blick ziemlich klare Ergebnisse: Die verfügbaren Studien zeigen eine klare Wirksamkeit von dem Verzehr von Datteln auf verschiedene Outcomes während der Entbindung. Genauer beschreiben z. B. Kordi et al. (2014) einen positiven Effekt des Dattelkonsums auf die Zervixreife bei Erstgebärenden (diese Studie umfasst immerhin 210 iranische Frauen). Sie führen aus, dass Datteln 15 verschiedene Mineralien, Kohlenhydrate und ungesättigte und gesättigte Fettsäuren enthalten und vermuten, dass vor allem diese Fettsäuren für die Steigerung der Prostaglandin-produktion verantwortlich sind.

Razali et al.(2017) bringen Datteln während den letzten Schwangerschaftswochen mit einer geringeren künstlichen Oxytocingabe während der Geburt in Verbindung.


Und noch eine weitere Meta-Analyse aus dem Jahr 2019 lässt sich finden: Nasiri et al. kombinieren 11 Studien und schaffen so einen Überblick über Frauen mit geringen Schwangerschaftsrisiken zwischen 18 und 35 ab der 36. Schwanger-schaftswoche. Sie bezeichnen sechs der beobachteten Studien als „High Quality“, dabei liegt sogar eine Doppelblindstudie vor, in der ein Teil der Frauen während der Geburt Dattelsirup und ein anderer Teil eine gefärbte Zuckerlösung konsumiert (mehr zu Doppelblindstudien und warum sie in der Wissenschaft als der Goldstandard gelten, findest Du in meinem Blogartikel zu Himbeerblättertee). In drei der Studien essen die Probandinnen nur am Tag der Geburt Datteln, in den anderen acht Studien, konsumieren sie die Früchte zwischen 10 und 28 Tagen in der Schwangerschaft.

Im Vergleich finden die Forscher/innen heraus, dass Probandinnen, die Datteln konsumieren im Durchschnitt eine kürzere erste und zweite Geburtsphase haben, der Muttermund reifer ist, weniger Einleitungen vonnöten sind, die Fruchtblase seltener manuell geöffnet wird und seltener vorzeitig reißt und die Frauen außerdem nach der Geburt weniger bluten. Auch zeigen sie, dass die Frauen, die mit dem Dattelkonsum spätestens in der 36. Schwangerschaftswoche beginnen, und 70-100 Gramm täglich über mehr als 20 Tage essen insgesamt eine kürzere Schwangerschaftsdauer haben. Übrigens: 100 Gramm Dattel entsprechen ungefähr vier Medjool- oder zehn „normalen“ Datteln am Tag.

Gut. Das mit der schnelleren Geburt scheint ja jetzt bestätigt.

Und was ist mit den Schmerzen?

Oft wird geclaimed, dass die sechs Datteln zu einer schmerzarmen Geburt verhelfen. Interessant ist hierzu eine Studie aus dem Jahr 2018 von Tavooni et al. . Dieses Paper untersucht die Behauptung: Die Forscher/innen beobachtet iranische Erstgebärende (insgesamt 80), die während der Geburt entweder Wasser oder Dattelsirup trinken (sechs Datteln gemixt mit 150 ml Wasser) und fragen sie nach ihrem Schmerzempfinden, wobei die Skala von 0 bis 10 geht. Die Dattelsirup-Trinkerinnen geben Schmerzlevel zwischen 7.8 und 9.3 an, während die Skala bei den Wasser-Trinkerinnen von 9.1 bis 9.9 reicht. Statistisch finden die Forscher/innen signifikante Unterschiede nach 60, 90 und 120 aber nicht nach 30 Minuten nach Konsum des Getränks.

Also sollte jede Schwangere unbedingt Datteln essen? am besten vor und während der Entbindung?

Insgesamt scheint die Lage sehr eindeutig, oder?

Jein. Trotz der oben beschriebenen Studien mit Ergebnissen, die erstmal ziemlich positiv klingen, lässt sich Kritik äußern.

Alle Studien, auch die, die in den Meta-Analysen erfasst wurden, kommen aus einem islamisch geprägten Kulturraum. Traditionell essen Frauen dort in der Schwangerschaft Datteln und es gibt einen starken Glauben (in der Forschung nennt man dies Belief), dass dies zu einer besseren Geburt verhilft. Diese Tradition ist sogar im Koran verankert und die Autor/innen der Studie von 2011 schreiben beispielsweise, dass sie Schwierigkeiten hatten, Frauen zu finden, die in der Schwangerschaft keine Datteln essen würden.

Möglicherweise spielt hier bei den Frauen, die Datteln gegessen haben also ein Placebo-Effekt eine Rolle. Karimi et al. (2020) kommen in einer Meta-Studie zu dem Schluss, dass Datteln schnell viel Energie liefern und so vor allem während der Geburt von Vorteil sein können. Sie schließen jedoch auch, dass die Qualität der vorhandenen Studien eher gering ist und aus ihrer Sicht die klinische Evidenz nicht ausreicht, um Empfehlungen für einen Dattelkonsum in den Wochen vor der Entbindung auszusprechen. Sie weisen auf eine hohe Gefahr von Voreingenommenheit (Bias) unter den Studienteilnehmerinnen hin. Eben aufgrund der tief verwurzelten Überzeugung, dass Datteln die Geburt positiv beeinflussen

Interessant wäre es daher, die Studien zu wiederholen und zwar in einem nicht islamisch geprägten Kulturraum. Um den Effekt der Datteln zweifelsfrei nachzuweisen, sollten sie außerdem „versteckt“ werden. Das perfekte Experiment sähe dann ungefähr so aus: Es gibt zwei Gruppen von Frauen. Beide konsumieren jeden Tag einen Shake. Die eine Gruppe erhält einen Shake, der mit Datteln gesüßt ist, die andere Gruppe einen Shake ohne Datteln. Die Frauen dürfen dabei nicht wissen, in welcher Gruppe sie sind. Gibt es nun einen Effekt bei der Dattel-Shake Gruppe, kann ein Placebo-Effekt ausgeschlossen werden.

Weiterhin variiert in den Studien die Anzahl der konsumierten Datteln stark. Das Maximum, welches ich gefunden habe ist vier Medjool, oder zehn „normale“ Datteln täglich ab der 36. Schwangerschaftswoche. Im Internet habe ich aber auch schon Empfehlung gefunden, sechs Medjool-Datteln zu essen. Insgesamt bleibt unklar, ob eine geringere Menge die gleichen Effekte hätte bzw. ob mehr Datteln eine positivere Auswirkung haben. Auch ist unklar, ob die Datteln, die wir bei uns im Supermarkt kaufen können, mit denen in Jordanien oder dem Iran mithalten können und ob es einen Unterschied macht, ob Frau frische oder getrocknete Früchte isst. Wichtig ist mir außerdem zu betonen, dass die obengenannten Studien allesamt Frauen mit Schwangerschaftsrisiken ausschließen! Vor allem bei Schwangerschaftsdiabetes solltest Du also Rücksprache mit Deiner Hebamme oder Deinem Frauenarzt oder der -ärztin halten. Ansonsten gilt, der Aufwand für diese Maßnahme ist gering und ich habe keine Studien gefunden, die von negativen Auswirkungen von Datteln berichten. Wenn Dir Datteln also gut schmecken und keine besonderen Risiken in der Schwangerschaft vorliegen, scheint zu gelten: Go for it girl.

Du hast Fragen zu dem Artikel? Etwas ist Deiner Meinung nach nicht richtig dargestellt oder falsch zitiert? Du hast Anregungen zu weiteren Themen? Lass es mich gerne wissen 🙂 !

Und noch ein Hinweis: Wenn Du Dir unsicher bist, wie Du Dein Kind ernähren sollst, suche Dir Hilfe bei kompetentem Fachpersonal, wie z. B. Deiner Kinderarztpraxis. Dieser Blogartikel dient Dir dabei lediglich als Informationsquelle und ersetzt keine Beratung durch ausgebildetes medizinisches Personal.

Quellen:

Al-Kuran, O., Al-Mehaisen, L., Bawadi ,H., Beitawi, S., Amarin, Z. (2011): The effect of late pregnancy consumption of date fruit on labour and delivery in: J Obstet Gynaecol. 2011;31(1):29-31. doi: 10.3109/01443615.2010.522267. PMID: 21280989.


Karimi, A. B., Elmi, A., Mirghafourvand, M. and Navid, R. B. (2020): Effects of date fruit (Phoenix dactylifera L.) on labor and delivery outcomes: a systematic review and meta-analysis, in: BMC Pregnancy and Childbirth 1/2020


Kordi, M., Aghaei Meybodi, F., Tara, F., Nemati, M., Taghi Shakeri, M. (2014): The Effect of Late Pregnancy Consumption of Date Fruit on Cervical Ripening in Nulliparous Women, in: Journal of Midwifery and Reproductive Health, 2(3), pp. 150-156. doi: 10.22038/jmrh.2014.2772


Nasiri, M., Gheibi, Z., Miri, A. et al. (2019): Effects of consuming date fruits (Phoenix dactylifera Linn) on gestation, labor, and delivery: An updated systematic review and meta-analysis of clinical trials, in: Complementary Therapies in Medicine, 45, 71-84.

Razali, N., Mohd Nahwari, S. H., Sulaiman, S., and Hassan, J. (2017): Date fruit consumption at term: Effect on length of gestation, labour and delivery, in: Journal of Obstetrics and Gynaecology, 37(5), 595–600. https://doi.org/10.1080/01443615.2017.1283304


Sagi-Dain L. and Sagi S. (2021): The effect of late pregnancy date fruit consumption on delivery progress – A meta-analysi, in: Explore (NY). 2021 Nov-Dec;17(6):569-573. doi: 10.1016/j.explore.2020.05.014. Epub 2020 May 30. PMID: 32563673.

Taavoni, S., Fathi, L., Nazem Ekbatani, N., et al. (2018): The Effect of Oral Date Syrup on Severity of Labor Pain in Nulliparous, in: Shiraz E-Med J. Online ahead of Print, 20(1), e69207.

Zhou ,Y., Wang, H., Yang, R., Huang, H., Sun, Y., Shen, Y., Lei, H., Gao, H. (2012): Effects of Litchi chinensis fruit isolates on prostaglandin E(2) and nitric oxide production in J774 murine macrophage cells, in: BMC Complement Altern Med. 2012 Mar 1;12:12. doi: 10.1186/1472-6882-12-12. PMID: 22380404; PMCID: PMC3307436.


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